Die digitale Ökonomie braucht Plattformen. Gemeint sind nicht soziale Netzwerke oder die Onlinemarktplätze, sondern echte prozess­orientierte industrielle Internetplattformen, über die sich dynamische Geschäftsnetzwerke flexibel abbilden und steuern lassen.

Zwar setzen Speditionen im Bereich der Disposition seit vielen Jahren auf Softwareunterstützung, doch die gewachsene IT-Struktur in der heutigen Zeit erfordert eine enorme Zahl an bilateralen Schnittstellen. Neben der einmaligen Erstellung und Programmierung sind diese anschließend permanent zu pflegen. Hinzu kommt die Herausforderung, dass die von der digitalen Transformation eingeforderte flexible Einbindung von Unternehmen erheblich erschwert wird. Der Aufbau von Ad-hoc Leistungsbeziehungen ist nahezu unmöglich. Unablässig wachsende Mengen an auszutauschenden Informationen sind schwer beherrschbar. Von einer systematischen Kanalisierung und Nutzung mal ganz zu schweigen.

Automatisierte Auftragsabwicklung
Zudem haben die pandemiebedingten Einschränkungen der vergangenen Monate ein bis dato kaum denkbares Szenario real werden lassen: Globale Lieferketten kamen teilweise zum Erliegen. Gleichzeitig wurde in gewissen Sortimentsbereichen Nachschub en masse geordert, den es zu verteilen galt. Eine gewaltige Herausforderung – auch für die Akteure
im Speditionswesen, die ihren Job temporär im Homeoffice erledigen mussten und sich mit teils rudimentären IT-Infrastrukturen konfrontiert sahen. Spätestens an diesem Punkt wurde offensichtlich, wie wichtig internetbasierte Plattformen für die Transportlogistik 4.0 sind. Sie schaffen Transparenz über sämtliche Aufträge und Ressourcen.

 

Als sinnvolle Ergänzung zum vorhandenen Transportmanagementsystem (TMS) kann beispielsweise das „Catkin“-Portal genutzt werden, das insbesondere den Kombinierten Verkehr (KV) adressiert. Nachdem der Kunde einen Auftrag im TMS erfasst hat, werden sämtliche Daten per Schnittstelle im Web an die Cloud-Plattform übermittelt. Das Kunden- und Dienstleisterportal kommuniziert die Aufträge auf direktem Weg an die für das jeweilige Unternehmen relevanten Trucker und gibt Bestätigungen oder Rückmeldungen an die richtigen Operateure und Reeder. Der beauftragte Fahrer wiederum übermittelt das erforderliche Feedback in Form frei konfigurierbarer Statusmeldungen über eine speziell entwickelte App. Damit ist der mobile Mitarbeiter direkt in die Auftragsabwicklung eingebunden. Parallel werden GPS-Daten übertragen und mit den Teilnehmern der Lieferkette geteilt. Das Gute daran: Der Auftragsstatus ist für den Disponenten ohne zeitliche Verzögerung sichtbar und kann an den Kunden weitergereicht werden. Auch Auftragsänderungen erfolgen automatisch und ohne manuelle Eingriffe. Alle involvierten Akteure sind auf dem neuesten Stand. Nutzer einer solchen zentralen Plattform erhalten über einen Standardbrowser sofort Zugang zu einem existierenden „KV- Ökosystem“, ohne die wohlbekannte Schnittstellenproblematik. Dies impliziert zudem, dass Einstiegsbarrieren praktisch aufgehoben sind.

Software as a Service (SaaS)
Indem Daten in einer Cloud dezentral abgelegt werden, können auch Mitarbeiter im Außendienst oder eben im Homeoffice ortsunabhängig darauf zugreifen und interaktiv im Team agieren. Software muss nicht mehr teuer eingekauft und aufwendig installiert werden. Außerdem können Daten aus bestehenden, nicht Cloud-basierten Softwareanwendungen nahtlos in die „Wolke“ übernommen und für weitere Prozesse genutzt werden. On Top erschließen sich weitere Vorteile durch die Kombination der Cloud-Plattform mit einer speziell für den Kombinierten Verkehr konzipierten Speditionsapplikation. Auch der Spezialist für Containertransporte „Ctrans“ beruht auf dem Software-as-a-Service-Gedanken (SaaS) und beansprucht ebenfalls keinen eigenen Server beim Unternehmen. Nutzer können offene Aufträge ganz einfach per Drag & Drop den vorhandenen Ressourcen zuweisen. Art und Dauer der Tour sowie der Auftragsstatus werden für den Disponenten transparent visualisiert. Über ein Add-on lässt sich darüber hinaus eine Synchronisierung von Adressen und Messpunkten mit Telematiksystemen vornehmen. Transportaufträge werden dem Fahrer-Device übermittelt. Die Verarbeitung von Status- und Ist Zeitmeldungen sowie GPS-Informationen erfolgt in Ctrans/Catkin.

Alle für die Transportabwicklung relevanten Dokumente stehen somit unmittelbar ortsunabhängig in digitaler Form zur Verfügung und können per App digital gegengezeichnet oder via Foto dokumentiert werden. Ein durchaus netter Nebeneffekt ist, dass auf diese Weise die Abrechnung beschleunigt wird. Damit sinkt auch der administrative Aufwand.

Widerstand dringend erwünscht
In Zeiten von Corona, in denen sich gezeigt hat, wie fragil nicht nur komplexe, global organisierte Lieferketten sein können, stießen auch Transportmanagementsystemee an ihre Grenzen. Ergänzende Cloud-Plattformen sind zwar kein Allheilmittel, können jedoch einen wichtigen Beitrag leisten, die Resilienz in den Supply Chains zu erhöhen.

Sie sind auf Agilität getrimmt und verbessern die Reaktionsfähigkeit in Echtzeit. Gleichzeitig werden die für Widerstandsfähigkeit bzw. Robustheit essentiellen Faktoren Dezentralität und Redundanz bedient. Die Basistechnologien zur Implementierung smarter Wertschöpfungsketten sind also vorhanden und einsatzbereit. Es braucht nur mutige Entscheider, die die Chancen der Digitalisierung erkennen und die diese Entwicklung aktiv mitgestalten. Sie werden durch die enormen Vorteile in qualitativer und auch monetärer Hinsicht belohnt werden. Gleichzeitig stärken sie proaktiv die Resilienz ihrer Liefernetzwerke in einem sicherlich noch lang anhaltenden, volatilen, von Krisen und wirtschaftspolitischen Unsicherheiten geprägtem Umfeld.

 

Der Beitrag ist zuerst im TMS-Themenheft vom 16. September 2020 der DVZ erschienen.

 

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